
„Un ordre semblable à celui des botanistes“: Die (Un-)Ordnung der Fieber
Stefanie Gänger
Der französische Philosoph Michel Foucault und sein Werk von der „Ordnung der Dinge“ waren wesentlich für die Begründung der Vorstellung verantwortlich, im 18. Jahrhundert habe sich die Genese einer „Wissenschaft der Ordnung“ vollzogen. Im sogenannten „klassischen“ Jahrhundert habe sich die Auffassung durchgesetzt, der Natur sei eine Regelmäßigkeit, eine innere Gesetzmäßigkeit inne, es liege ihr ein die Beziehung ihrer Teile – zueinander und zum Ganzen – bestimmendes Geflecht zugrunde, das der Botaniker, oder der Mediziner zu erkennen und in Zeichen abzubilden habe, in geordneten, statischen und hierarchischen „Tableaus von Identitäten und Unterschieden“.1
Eines der „Dinge“, denen die Gelehrten der Zeit eine Ordnung zu geben suchten, waren die „Fieber“. Anders als unser heutiger, moderner Begriff bezeichnete „Fieber“ bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht ein Symptom, sondern eine eigenständige Krankheit, oder vielmehr: eine Gruppe von Erkrankungen, die mit Hitze, einem rascheren Puls, Atembeschwerden und Schwäche einhergingen und die in unterschiedlichen Ausprägungen auftrat. Die „Fieber“ stellten eine besondere Herausforderung für die nosologische Klassifikation – der Bereich, in dem sich der taxonomische Impuls in der Medizin am deutlichsten manifestierte – dar, weil ihre Vielfalt erdrückend war. Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts unterschied man Dutzende von Fiebern, am Ende waren es hunderte, ein überlaufendes Register. Aus den Darstellungskonventionen der Zeit – den empirischen, kasuistischen Historiae morbi –, denen nicht an Systematisierung, sondern an neuer Erkenntnis, Spezifizität und Vielfalt lag, war eine Vermehrung, Kumulation und Vervielfältigung der Fieberkategorien erwachsen.2 Man kannte Friesel- und Tertianfieber, Herbst-, Sumpf- und Katarrhalfieber, remittierende, adynamische, Nerven und Kindbettfieber; Scharlachfieber, Gallenfieber, Gelbfieber und Typhusfieber, und – besonders heikel – eine wuchernde Vielfalt von Kombinationen hiervon, vom „faulichten Gallenfieber“ bis hin zum „gallichten, remittierenden Wechselfieber“.
Mit dem Aufkommen der Nosologie in den 1730er Jahren kam es zu einer Reihe von Versuchen, Systematik in die wachsende Zahl der Fieber zu bringen – sie nach gemeinsamen und unterscheidenden Merkmalen in ein hierarchisches Tableau und eine Taxonomie zu bringen, in eine „Ordnung ähnlich der der Botaniker (semblable à celui des botanistes)“, wie François Boissier de Sauvages es 1731 fasste.3 In der Tat ging zuerst Sauvages nach Methoden vor, die humanistischen Exzerpier- und Lesetechniken, aber auch der Botanik entliehen waren: Er durchkämmte die Fallgeschichten seiner Zeit mit dem Ziel der Verallgemeinerung, der „semiotische[n] Differenzierung einzelner Merkmale“, der systematisierenden, verdichtenden Zusammenstellung der „eine Spezies beschreibenden Symptomata“ und gelangte so zu einem ersten Tableau.4 In seiner Nosologia methodica stellten die „Fieber (Febres)“ die zweite von zehn Klassen von Krankheiten dar, gegliedert in fünf symptombasierte Ordnungen – anhaltende, remittierende, intermittierende, „membranöse“ und „parenchymatöse Fieber“ – mit ihren jeweiligen Spezies.5
Auf Sauvages‘ Versuch folgten, und bauten, zahlreiche, oft konkurrierende nosologische Systeme, denen der Versuch gemein war, „die Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten der Fieber“ zu bestimmen und sie, und ihr Verhältnis zueinander, „unter gewisse Regeln [zu] ordnen“.6 Besonders einflussreich waren Carl Linnaeus’ Genera Morborum von 1759 – weniger bekannt als das Hauptwerk des Autors, sein Systema Naturae –, das ähnlich wie Sauvages eine mehrstufige hierarchische Taxonomie zur Klassifikation der Krankheiten erarbeitete. Die ersten drei von Linnaeus elf „Klassen“ von Krankheiten waren die „fieberhaften (febriles)“: Die „exanthematischen“, die „kritischen“ und die „phlogistischen Fieber“, denen jeweils mehrere Ordnungen und Arten zugehörten.7

Das vielleicht einflussreichste System der Zeit war William Cullens Synopsis nosologiae methodicae von 1769. Bei Cullen bildeten die Fieber eine von fünf „Ordnungen“ innerhalb der ersten von vier Klassen, den Pyrexien, deren gemeinsame Merkmale Schüttelfrost, Schwäche, Hitze und ein beschleunigter Puls waren.8 Cullen unterschied vorrangig zwischen intermittierenden und „anhaltenden“ Fiebern, wobei letztere wiederum die Gattungen typhus, synocha und synochus enthielten.9 Bis in das frühe 19. Jahrhundert versuchten sich eine Reihe weiterer Autoren an der Ermittlung der „natürlichsten“ Ordnung. Noch in den 1820er Jahren, fast hundert Jahre nach Sauvages‘ erstem Versuch, war die Medizin auf der Suche nach einem logischen, regelhaften „System in der Fieberlehre“, um „Einheit in das Mannigfaltige zu bringen“.10
Vordergründig errichtet die Epoche also auch bei den Fiebern einen Raum der hierarchischen Ordnung. Wer genauer hinsieht, bemerkt aber, dass viele Traktate der Zeit diesem Impetus widersprachen, oft geprägt von der Vorstellung, die Natur widersetze sich jeder Ordnung. Ein wiederkehrender Topos war der vom Fieber, das sich der Passung entziehe – ein epistemisches Echo der Betonung von Spezifizität und Kontingenz. Das „Genius“ des „faulicht-gastrischen Fiebers“, das er im Jahre 1809 zu Tarragona beobachtet hatte, schrieb etwa José Antonio Canet, ließ sich in keine der fünfzehn Spezies des von Sauvages aufgestellten Synochus einfügen; man wollte zwar versucht sein, es der sechsten zuzuzählen, jedoch war die „gallichte Hitze“ nicht in dem Maße gegeben, als man zu erwarten hätte.11 Diese Art der Kritik findet sich vielfach, etwa beim Liverpooler Arzt James Currie, der Zweifel äußerte, „ob wir nicht zu stark vereinfacht haben in unseren nosologischen Arrangements“; viele Fieber könnten nur „gewaltsam“ in das System gepresst werden.12 Andere bezweifelten den praktischen Sinn und Nutzen der „Unterteilungen“ und hinterfragten die Notwendigkeit, den Nutzen von Ordnung. Es sei beim derzeitigen Stand der Medizin für die Praxis unerheblich, so Joseph von Quarin, die Arten, selbst die verschiedenen Gattungen, genau zu unterscheiden.13 In der Tat scheinen viele Kollegen die Klassifikation für eine Spielwiese der Theoretiker gehalten zu haben. Wie der neuspanische Mediziner Luis Montaña in seinem Traktat über den Ausbruch eines „epidemischen Fleckfiebers“ festhielt: Da er keine „Naturkunde“ schreibe, sei die „Abstraktion“, die „systematische Klassifikation“ und Benennung des Fiebers für ihn nachrangig.14

Andere Autoren bezweifelten die der Nosologie zugrundeliegende Vorstellung, der Natur sei eine abbildbare Ordnung inne. Gattungen und Arten bestimme „die Natur, sie h[ätt]en also auch innere Wahrheit“; „Klassen und Ordnung“ aber seien „ein Machwerk des Menschen“, wie Johann C. Reil 1820 schrieb; es fehle ihnen „nicht selten an Realität“.15 Noch grundsätzlicher wurde Montaña: Seine Beschreibung des Fiebers sei geleitet „von der Natur in all ihrer Unordnung“; die Natur weise eine Ordnung auf, aber eine, „in der sich die Definitionen mit den Divisionen vermengten“.16
Montaña zeigte, dass eine simple Dichotomie von – stabiler, regelhafter, naturgegebener – Ordnung auf der einen und gesetz- und regelloser Unordnung auf der anderen Seite dem wissenschaftlichen Denken dieser vergangenen Epoche nicht gerecht wird. In der Tat trägt die Ordnungsvorstellung der Zeit etwa eine gewisse Fluidität der Gegenstände in sich. Über medizinische Schulen und Denktraditionen hinweg hielt sich bis in das frühe 19. Jahrhundert die Vorstellung, die Fieber könnten ihre Form verändern, sich in andere Fieber „verkomplizieren“, ineinander übergehen oder „degenerieren“. Manche Wechselfieber würden sich in ein „entzündliches Fieber anheben“, schrieb etwa John Huxham; andere, gerade im Herbst, sich zu einem remittierenden, fauligen oder Nervenfieber neigen.17 Solche Vorstellungen stehen im Widerspruch zu einem ontologischen Begriff von Krankheit als feststehender Entität – die man klassischerweise mit dem Aufstieg der Nosologie in Verbindung bringt – aber nicht notwendigerweise im Widerspruch zu den damaligen Ordnungsvorstellungen. Dem amerikanischen Arzt Benjamin Rush zufolge etwa waren die gelben, entzündlichen und „galligen remittierenden“ Fieber, die er in den 1780er und 90er Jahren in Philadelphia beobachtete, nicht verschiedene Fieber, sondern verschiedene Zustände ein und desselben Fiebers, das seine Gestalt unablässig wandelte, „gleich einer Wolke an einem windigen Tage“. Ursprünglich ein Schüler Cullens, war Rush in den 1790er Jahren bei einem unitarischen Fieberbegriff angelangt. Es gäbe „nur ein Fieber (there is but one fever)“, so Rush. Wenngleich er seine Studenten belehrte, „die Vielheit der Fieber, nach dem System so vieler Nosologen, [habe] unermesslichen Schaden gestiftet“, so war sein unitarischer Begriff mit dem System Cullens verträglich. Die Kategorien der Nosologien waren nicht gänzlich falsch, so eine Lesart Rushs, nur waren die Fieberarten eben keine festen Entitäten, sondern zeitweilige, beständig wieder zerrinnende Erscheinungsformen derselben Krankheit.18 Tatsächlich begriff selbst Cullen seine Kategorien nicht durchweg als feststehend. Manche waren besonders instabil – ein synochus etwa könne jederzeit zum typhus geraten19 – und die Forschung hat gezeigt, dass auch Sauvages nicht an einem ontologischen Krankheitsbegriff lag.20 Zudem wohnte für Cullen wie auch für Sauvages und Linnaeus ihren Systemen eine Vorläufigkeit und Offenheit inne, getragen von einem Duktus des epistemischen (Selbst-)Zweifels und der Skepsis, wie er für viele Aufklärer bezeichnend war. Cullen etwa betonte beständig das fehlende Zutrauen in sein eigenes Wissen, die Unfertigkeit und Unvollständigkeit seines Systems.21 Ihre Ordnung war eine offene, und offensiv unfertige.22
Die Suche nach der wahren, letztgültigen „Ordnung der Dinge“ prägt ohne jeden Zweifel die Wissenschaft, und die Fieberlehre, im 18. Jahrhundert, und aus ihr entsteht ein Spannungsverhältnis zu anderen, oft älteren Vorstellungen von Natur und Krankheit, die die „Mannigfaltigkeit“ der Welt der Krankheiten, das Fließvermögen der Bestandteile, deren Kontingenz, gar die der Natur inhärente Unordnung betonen. Entscheidend ist, dass Ordnung und Unordnung um 1800 nicht notwendigerweise dichotom sind, im Widerspruch zueinander stehen: Dass beide von den gleichen epistemischen Tugenden getragen werden – dem Zweifel, der Präzision, der empirischen Beobachtung; dass die Ordnung Elemente der Unordnung – von Fluidität, Wandel, Offenheit – in sich tragen kann; und dass der Zweifel an der Gewissheit und Notwendigkeit, gar der Realität von Ordnung, der Dissens über sie, die Freude an der „Mannigfaltigkeit“ und Wandelbarkeit der Welt, nicht das Gegenteil von Ordnung, sondern Teil ihrer selbst sein konnten.
Dieser Artikel ist ursprünglich in Athene - Magazin der Heidelberger Akademie der Wissenschaften im Februar 2025 erschienen.
Referenzen
[1] M. Foucault, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften (Suhrkamp 1971 [1966]), 107–109.
[2] V. Hess, Der wohltemperierte Mensch. Wissenschaft und Alltag des Fiebermessens (1850-1900) (Campus 2000), 33–36.
[3] F. B. de Sauvages, Nouvelles classes de maladies, qui dans un ordre semblable à celui des botanists, comprennent les genres & les espèces de toutes les maladies (B. D’Avanville, 1731).
[4] V. Hess & J. A. Mendelsohn, “Fallgeschichte, Historia, Klassifikation. François Boissier de Sauvages bei der Schreibarbeit,“ NTM 21 (2013), 77.
[5] F. B. de Sauvages, Nosologia methodica sistens morborum classes (Fratrum de Tournes, 1768), III.
[6] J. C. Reil, Über die Erkenntniß und Kur der Fieber, Bd. 1. Allgemeine Fieberlehre (Curtsche Buchh. 1820), viii.
[7] C. Linnaeus, Genera Morborum In Auditorum Usum Publicata (Sumtibus Buchenroederi 1774?).
[8] W. Cullen, Synopsis nosologiae methodicae, exhibens systema nosologicum (P. Brown 1818 [1769]).
[9] W. F. Bynum, “Cullen and the Study of Fevers in Britain, 1760–1820,” Theories of Fever from Antiquity to the Enlightenment, Hg. Ders. & V. Nutton (Wellcome Institute 1981), 137–39.
[10] Reil, Fieber, viii.
[11] J. A. Canet, Enfermedades del ejército y del pueblo (Ibarra 1818), 18–20.
[12] J. Currie, Medical reports, on the effects of water, cold and warm, as a remedy in fever (Humphreys 1808 [1797]), 49.
[13] J. Quarin, Traité des fièvres et des inflammations (Logerot-Petiet & Rémont, VIII).
[14] L. Montaña, Avisos importantes sobre el matlatltzahuatl (M. de Zúñiga 1817), 17–8.
[15] Reil, Fieber, 31.
[16] Montaña, Avisos, 17–8.
[17] J. Huxham, An Essay of Fevers, and Their Various Kinds: (S. Austen 1750), 24.
[18] R. M. Packard, “Break-Bone Fever in Philadelphia, 1780” Bulletin of the History of Medicine 90, 2 (2016), 208–11.
[19] C. Hamlin, More than hot. A Short History of Fever (Johns Hopkins Univ. Press 2014), 172.
[20] Hess & Mendelsohn, „Fallgeschichte,“ 68, 82–6.
[21] J. Thomson, ed., The works of William Cullen (Blackwood and Sons, 1827), 458.
[22] Dazu auch Hess & Mendelsohn, „Fallgeschichte,“ 81.


