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Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit Tagungen

Stenographie und karolingische Schriftkultur – 11./12.IX.2025 in Lorsch

Stenographie ist ein Phänomen der lateinischen Überlieferung des ersten Jahrtausends. Zehn Prozent der Handschriftenüberlieferung bis zum X. Jahrhundert enthalten Einträge in Kurzschrift. Komplementär dazu verhält sich die wissenschaftliche Erschließung. Die Schwierigkeit, 13.000 Wortzeichen mit verschiedenen Endungen und konkurrierenden Systemen zu lernen und anzuwenden, steht einer angemessenen Forschung entgegen.

Doch es gibt Fortschritte. In den letzten Jahren wurde durch den Supertextus Notarum Tironianarum von Martin Hellmann ein Instrument zum Entziffern historischer Kurzschrift etabliert. Es besteht die Hoffnung, durch den Einsatz von KI samt Large Language Models die Lesefähigkeit weiter zu verbessern. Die VolkswagenStiftung hat deshalb in ihrer Förderlinie „Aufbruch – Neue Forschungsräume für die Geistes- und Kulturwissenschaften“ eine Vorstudie zur automatisierten Lesung älterer Stenographie gefördert, an der die Universitäten in Erlangen, Heidelberg und Mainz beteiligt sind. Die Tagung möchte an diesem Wendepunkt ansetzen. Neue Erschließungsmethoden sollen ebenso diskutiert werden wie jüngste philologische und kulturhistorische Forschungserträge zur frühmittelalterlichen Überlieferung.

Die Welterbestätte Kloster Lorsch ist als Zentrum der Erforschung und Bewahrung karolingischer Kultur dafür ein vorzügliches Forum. Die Tagung erfolgt auch aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums des Sommerkurses „Paläographie. Lateinische Schrift“ an der Universität Heidelberg. Dort wurde – wohl weltweit einzigartig – immer auch die historische Stenographie berücksichtigt und vermittelt.

Programm

Donnerstag, 11. September 2025

10:00 Uhr: Hermann Schefers (Lorsch) und Tino Licht (Heidelberg), Begrüßung und Einführung
10:15 Uhr: Kirsten Wallenwein (Paris), Tachygraphia diplomatica. Stenographie bei Téotolon von Tours (amt. 931 – 945)
11:30 Uhr: Jule Meyer (Heidelberg), Stenographie am Mittelrhein? Tironische Spuren in der Mainzer Überlieferung
12:15 Uhr: Christine Jakobi-Mirwald (Weiler), Tironische Initialen

14:00 Uhr: Christoph Walther (Hamburg), Recht in tironischen Noten. Die Handschrift Vatikan, BAV, Reg. lat. 852
14:45 Uhr: Thomas Gorges (Erlangen), Ein Tool zum Entziffern tironischer Noten
16:00 Uhr: Nikolaus Weichselbaumer (Mainz), Psalteria tironiana
16:45 Uhr Pause; Möglichkeit zur Besichtigung der Torhalle (Bitte um Anmeldung)

18:30 Uhr: Abendvortrag: Martin Hellmann (Wertheim), Unkraut im Garten der Schreibkunst. Sieben Jahre Index tironianorum:

Individualität und Einfallsreichtum? Das entspricht nicht dem Image der Karolingerzeit und ihrer Buchkultur. Mit strenger Erziehung der Schreiber wurde damals eine Lesbarkeit der Handschriften erreicht, die sich mit der eines gedruckten Buchs messen kann. Die Erzeugnisse der Schreibschulen bestechen mit ihrem einheitlichen Erscheinungsbild. Zu dem großen Ziel, eine christliche Welt nach dem Vorbild des klassischen Altertums zu erschaffen, gehörte aber auch die Wiederbelebung der Stenographie. Von ihrem Wesen her ist die Kurzschrift zwar platzsparend und praktisch, doch geprägt von den persönlichen Eigenheiten des Schreibers und selbst für Experten oft schwer zu entziffern. Immer wieder tauchen „tironische Noten“ auf, wo man sie vielleicht nicht erwarten würde, wie Brennnesseln oder Mohnblumen im Gemüsebeet: auf den ersten Blick störend, bei genauerer Betrachtung aber doch von Nutzen. Es gibt viel zu entdecken und noch mehr zu ergründen. Was stenographische Notizen beinhalten, ist in aller Regel nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Sie verraten keine großen Geheimnisse, geben aber Einblicke in das geistige Treiben hinter den prachtvollen Büchern.

Freitag, 12. September 2025

10:00 Uhr: Vincent Christlein (Erlangen), Automatische Händescheidung im »Vergilius Turonensis«
10:45 Uhr: Stefan Weber (Erlangen), Das tironische Hymnar in Paris, BNF, lat. 1327. Beobachtungen zu Text und Paläographie
12:00 Uhr: Tino Licht (Heidelberg), Interpretatio carolina. Kurzschriftkommentare zu Vergils Unterwelt im »Vergilius Turonensis«
12:45 Uhr: Kirsten Wallenwein (Paris), Abschlussdiskussion

Tagungsort:

Tagungszentrum Welterbestätte Lorsch
Nibelungenstraße 32
64653 Lorsch


Jeweils am Donnerstag und Freitag wird ein Bustransfer (Heidelberg bis Lorsch und zurück) angeboten.
Um Anmeldung bis zum 28. August 2025 wird gebeten.


Kontakt:
Prof. Tino Licht
Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit
am Historischen Seminar
Grabengasse 3-5
69117 Heidelberg
Telefon: +49 (0)6221-54 27 37

E-Mail: mittellatein@uni-heidelberg.de

Poster for the conference „Stenographie und karolingische Schriftkultur“ am 11. und 12. September 2025 in der Welterbestätte Kloster Lorsch. Weiße Schrift auf grünem Grund mit Abbildung einer tironischen Initiale

Vergangene Tagungen

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