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Professur für Mittelalterliche Geschichte (Späteres Mittelalter)  Habilitationsvorhaben Alicia Wolff

Auf zu neuen Ufern: Brücken als Großbauprojekte, Begegnungsräume und kritische Infrastrukturen in der Vormoderne

Eine Brücke ist nur so dauerhaft wie ihr Fundament. Dieses im fließenden Wasser zu errichten, war im Mittelalter ein erhebliches Wagnis. Ohne technische Vorrichtungen wie Pumpen musste selbst in Trockenperioden unablässig Wasser aus den Baugruben abgeschöpft werden. Dadurch verzögerten sich Bauvorhaben erheblich und konnten nur in bestimmten Jahreszeiten durchgeführt werden. Die Arbeiten an der Mainbrücke in Würzburg hatten bereits 1476 begonnen, kamen jedoch nur schleppend voran, verschlangen die knappen städtischen Mittel und brachten zunächst kein tragfähiges Ergebnis hervor. Im Jahr 1482 präsentierte dann ein Mönch dem Würzburger Rat ein neuartiges, aus Holz gefertigtes Wasserschöpfinstrument, das die Trockenlegung der Baugruben erleichtern sollte. Wie die Ratsprotokolle eindrücklich zeigen, keimte daraufhin neue Hoffnung auf. Die Episode verdeutlicht, wie stark der stockende Brückenbau die Stadt belastete und wie selbst Einzelpersonen Initiative ergriffen, um die infrastrukturellen Probleme der Gemeinschaft zu lösen.

Die Szene steht exemplarisch für den städtischen Brückenbau seit dem Hochmittelalter, der in der älteren Forschung oft als lineare Fortschrittsgeschichte erzählt wurde. Ein Blick in die städtische Überlieferung zeigt jedoch ein anderes Bild: Bau und Unterhalt von Brücken waren langfristige, konflikt- und ressourcenintensive Prozesse. Sie waren geprägt von chronischem Geld-, Material- und Arbeitskräftemangel, technischen Unsicherheiten, begrenztem Fachwissen und Mangel an erfahrenen Baumeistern und spezialisierten Handwerkern. Baustellen wie fertige Bauwerke waren dauerhaft Umweltgefahren wie Hochwasser, Eisgang, Bränden und Blitzschlägen sowie kriegerischer Zerstörung ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund kann die Entscheidung einer Stadt für eine Brücke als Generationenvertrag verstanden werden, der über Jahrhunderte personelle, finanzielle und organisatorische Ressourcen band. Die Bauwerke waren wartungsintensiv und strukturell anfällig, entwickelten sich jedoch nach ihrer Fertigstellung zu unverzichtbaren Elementen städtischer Mobilität und Wirtschaft. Ihre Bauherren erwarteten Macht, Kontrolle und Einkünfte.

Im Mittelpunkt meines Habilitationsprojekts stehen Steinbrücken des Mittelalters, die in dreifacher Perspektive untersucht werden: als prekäre städtische Großbauprojekte, als alltägliche Begegnungs- und Erfahrungsräume und als kritische Infrastrukturen. Das Projekt ist an der Schnittstelle von Umwelt- und Infrastrukturgeschichte, Stadt- und Alltagsgeschichte sowie historischer Katastrophenforschung verortet. Die Arbeit behandelt den Brückenbau im Reich anhand von Schlaglichtern vom Frühmittelalter bis ins 16. Jahrhundert. Ausgehend von einem brückenarmen Mittelalter bis zum 11. Jahrhundert werden zunächst Furten, Fähren, Flöße und temporäre Brückenbauten als infrastrukturelle Herausforderungen untersucht. Die meisten Steinbrücken hatten bereits Vorgängerbrücken. Seit dem 12. Jahrhundert entwickelte sich in den Städten West- und Mitteleuropas eine hochproduktive Schriftkultur, die die Ausbildung und Ausdifferenzierung städtischer Selbstverwaltung beförderte. Ratsprotokolle, Bauakten, Rechnungsbücher, Verordnungen und Urkunden enthalten aufschlussreiche Informationen über Bauprojekte, den Umgang mit Ressourcen, die Instandhaltung von Infrastruktur und den Umgang mit Krisen, etwa infolge von Extremwetterereignissen. Ergänzt werden diese administrativen Quellen durch städtische Chroniken, Annalen und andere zeitgenössische Berichte. Die Geschichte der Brücken ist in diesen Quellen häufig über Generationen hinweg dokumentiert. Gerade chronikalische Berichte zu Extremwetterereignissen sowie zu Bau-, Reparatur- und Zerstörungsphasen ermöglichen eine gezielte Auswertung der schriftlichen Überlieferung. Ziel ist es, die beschriebenen Prozesse aus der Perspektive der betroffenen Akteure sichtbar zu machen und den mittelalterlichen Menschen im Spannungsfeld von Technik, Umwelt und Alltag zu erfassen. Die Fallstudien umfassen die Steinerne Brücke in Regensburg, die Alte Mainbrücke in Würzburg, die Alte Brücke in Frankfurt am Main, die Augustusbrücke in Dresden, die Mittlere Brücke in Basel und die Krämerbrücke in Erfurt. Diese Brücken überspannen Flüsse unterschiedlicher Größe und entstanden in verschiedenen städtischen und herrschaftlichen Kontexten. Damit ermöglichen sie einen vergleichenden Blick auf die urbanen, politischen und ökologischen Rahmenbedingungen mittelalterlicher Brückenbauvorhaben.

Das Projekt steht im Kontext aktueller Forschungen zur Wirtschafts-, Umwelt- und Infrastrukturgeschichte, in denen Brücken zwar wiederholt thematisiert, jedoch nur selten zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand gemacht wurden. Annette Kehnel hat in ihren Arbeiten nachhaltige Wirtschaftsweisen vormoderner Gesellschaften herausgearbeitet. Gerald Schwedler und Gerhard Fouquet untersuchen Organisation und Finanzierung städtischer Großbauprojekte. Gerrit Jasper Schenk, Thomas Wozniak sowie Christian Rohr und Christian Pfister befassen sich mit dem Umgang mittelalterlicher Gesellschaften mit Katastrophen, insbesondere mit Extremwetterereignissen, sowie mit deren Wahrnehmung und Deutung. Dabei berücksichtigen sie auch kritische Infrastruktur; gerade in ihren Untersuchungen zu Überschwemmungen treten Brücken wiederholt als besonders gefährdete Bauwerke hervor. Darüber hinaus orientiert sich die Arbeit an methodischen Konzepten, die im DFG-Schwerpunktprogramm 2361 „Auf dem Weg zur Fluvialen Anthroposphäre“ sowie im interdisziplinären Graduiertenkolleg „KRITIS – Kritische Infrastrukturen. Konstruktion, Funktionskrisen und Schutz in Städten“ (beide TU Darmstadt) entwickelt wurden, insbesondere hinsichtlich der Kategorien Vulnerabilität, Resilienz und Kritikalität sowie der Zusammenarbeit von Geistes- und Naturwissenschaften. Methodisch anregend ist zudem das Vorgehen von Daniel Jütte, der in seinen Monographien einzelne Architekturelemente wie Stadttore oder Fenster zum Ausgangspunkt kulturhistorischer Analysen macht.

Die ältere, landesgeschichtlich geprägte Forschung betrachtete Brücken vor allem unter rechtlichen und herrschaftlichen Gesichtspunkten. Sie erscheinen daher häufig als Bauwerke, Besitzobjekte oder Hoheitszeichen, weniger jedoch als Lebensräume, kritische Infrastrukturen oder Bestandteile sensibler Flussökosysteme. Die Folgen von Extremereignissen, Ressourcenknappheit und Eingriffen in Gewässerlandschaften wurden bislang kaum systematisch untersucht. Hier setzt das Projekt mit einem interdisziplinären Ansatz an: Es verbindet städtische Schrift-, Bild- und Sachquellen mit umwelt- und naturwissenschaftlichen Perspektiven, etwa durch den Abgleich mit klimahistorischen Proxydaten. Zugleich möchte ich die Erforschung der „Gebauten Umwelt“, wie sie in der Historischen Bauforschung etabliert ist, für die Vormoderne fruchtbar machen. Stadtgestaltung ist kein abgeschlossener Akt, sondern ein fortwährender Aushandlungsprozess. Das Stadtbild entsteht aus Entscheidungen, die unter spezifischen historischen Bedingungen getroffen werden. Es spiegelt Zielvorstellungen, Handlungsspielräume und Konfliktlagen seiner Zeit wider und wirkt zugleich auf die Menschen zurück, die in der Stadt wohnen, arbeiten, handeln oder sie durchqueren.

Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Brückenbau seit dem Frühmittelalter. Als Bauherren traten Landesherren, Städte, kirchliche Einrichtungen sowie private Personen oder Konsortien auf. Ihre Initiative, ihr Vorgehen und ihre Erwartungen an das Bauwerk bilden den Ausgangspunkt der Analyse. Berücksichtigt werden die Suche und der Wettbewerb der Städte nach geeigneten Baumeistern, Bauwettbewerbe, verfügbares oder fehlendes technisches Wissen sowie die Einbindung wandernder und lokal ansässiger Handwerker sowie der Stadtbewohner in die Großprojekte. Der ständige Materialmangel erforderte nachhaltige Strategien der Ressourcennutzung, während technische Innovationen die Arbeit an Pfeilern und Fundamenten allmählich erleichterten. Neben technischen und organisatorischen Fragen prägten auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen den Brückenbau. Da Brücken enorme Summen verschlangen, bedurfte es durchdachter Finanzierungsstrategien. Zugleich standen städtische Großbauprojekte häufig in einem strukturellen Konkurrenzverhältnis. Die Entscheidung für eine Brücke bedeutete daher nicht selten die Zurückstellung anderer Vorhaben, etwa im Bereich des Dom-, Kirchen- oder Mühlenbaus.

Im zweiten Teil der Arbeit soll die Brücke als Begegnungs- und Erfahrungsraum untersucht werden. Im Mittelpunkt stehen konkrete städtische Akteure und ihre jeweiligen Handlungsräume. Brücken waren zentrale Begegnungsorte des städtischen Raums und je nach sozialer Gruppe oder Individuum mit vielfältigen Erwartungen, Hoffnungen und Unsicherheiten verknüpft. Besondere Aufmerksamkeit gilt den für die Brücke zuständigen Personen. Dazu zählen die Brückenmeister, bei denen es sich um ein vom Rat vergebenes Ehrenamt handelte, ebenso wie Zöllner und Türmer, die dauerhaft auf oder an der Brücke präsent waren. Anhand einzelner Personen und ihrer Tätigkeiten sollen Verwaltung, Kontrolle und Alltagspraxis auf der Brücke greifbar gemacht werden. Das an die Brücke angrenzende Stadttor schloss die Stadt nach außen ab; Phänomene wie das Warten an der Brücke, Zugangsbeschränkungen und deren Überschreitung eröffnen ertragreiche Perspektiven auf alltägliche Aushandlungsprozesse. Die Brücke ist untrennbar mit ihrem unmittelbaren Umfeld verbunden: dem Fluss mit seinen Gefahren und Nutzungsmöglichkeiten, angrenzenden Häfen, Mühlen, Badstuben, Gasthäusern oder Brückenkapellen sowie den Gebieten jenseits des Ufers. Diese räumlichen Konstellationen prägten den Alltag an und auf der Brücke maßgeblich. Bruderschaften setzten sich für Bau und Instandhaltung von Brücken ein. Solche Vereinigungen und ihre Mitglieder sollen ebenso untersucht werden wie Brückenheilige. Zugleich konnte die Brücke Ort kriegerischer Auseinandersetzungen, des Strafgerichts oder repräsentativer Inszenierungen bei Herrschaftseinzügen und anderen Feierlichkeiten sein. Auch Unfälle gehörten zum Alltag und sollen anhand einzelner Fälle beleuchtet werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt schließlich auf dem Erleben auf der Brücke sowie auf ihrer Klangwelt. Geräusche von Wasser, Verkehr, Arbeit und Menschen sollen, soweit es die alltagsgeschichtlichen Quellen erlauben, rekonstruiert werden.

Der dritte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Zerstörung und Instandhaltung von Brücken. Flüsse waren wirtschaftliche Lebensadern und zugleich zerstörerische Kräfte, gerade für Brücken. Treibholz, Eisgänge und Überschwemmungen gehörten zu den häufigsten Ursachen für Schäden an Pfeilern, Fundamenten und Aufbauten. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wann Hochwasser als Katastrophe und wann als regelmäßig wiederkehrendes Ereignis wahrgenommen wurde. Wie Schenk und Ebert betonen, reagierte eine Gesellschaft, die Schäden durch Überschwemmungen als Strafe Gottes deutete, anders als eine, die sie als Folge mangelnder baulicher Vorsorge verstand. Zu untersuchen sind daher der Wissensstand über Ursachen und Auswirkungen von Hochwasser auf Brücken sowie die unterschiedlichen Reaktionsmuster im Umgang mit beschädigten oder zerstörten Übergängen. Seit dem späten Mittelalter lassen sich nach Christian Rohr regelrechte Überschwemmungskulturen beobachten, die auch den Umgang mit gefährdeten Brücken einschlossen. Neben Hochwasser lassen sich Brückenzerstörungen im Mittelalter im Wesentlichen auf Krieg, Brände, Konstruktions- und Materialversagen, Schiffskollisionen, mangelnde Instandhaltung oder geplanten Rückbau zurückführen. Ein weiterer Fokus liegt schließlich auf Formen der Erinnerung an zerstörte Brücken und an die für ihre Zerstörung verantwortlichen Ereignisse, etwa in Form von Hochwassermarken. 

Persönliche Seite

Stadtdarstellung mit Fluss und darüberführender Brücke im Vordergrund, auf der eine Menschenmenge steht