Sandra Frühauf Priester im Protest. Priester- und Solidaritätsgruppen in der Bundesrepublik Deutschland zwischen sozialer Bewegung und innerkirchlicher Reform (1965–1989)
„Freilich, auch Priester stehen im Protest.“ Mit diesen Worten beschrieben katholische Priester aus verschiedenen europäischen Ländern im Sommer 1969 ihre Mitwirkung an den innerkirchlichen Unruhen am Ende der 1960er Jahre. Die Geistlichen waren durch ihr Engagement in unterschiedlichen Priestergruppen miteinander verbunden. Diese Selbstverortung als Teil eines kirchlichen Protestgeschehens verweist auf die Entstehungskontexte jener Gruppen: unabhängig, spontan und getragen von dem Eindruck, dass die Reformimpulse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) nur unzureichend umgesetzt worden seien. Um dieser als restaurativ wahrgenommenen Entwicklung entgegenzutreten, formierten sich seit 1968 weltweit – auch in westdeutschen Diözesen – Priestergruppen. Am 27. Mai 1969 schlossen sich die westdeutschen Vereinigungen zur „Arbeitsgemeinschaft von Priestergruppen in der Bundesrepublik Deutschland“ (AGP) zusammen. Sie forderte die Demokratisierung und Humanisierung der katholischen Kirche sowie die Solidarisierung von Priestergruppen, um die Kirche als Modell einer humanen Gesellschaft zu etablieren.
Angesichts der beschriebenen Zielsetzung der Priester- und Solidaritätsgruppen, sozialen Wandel herbeizuführen und den damit übereinstimmenden (Protest-)Praktiken dieser, gilt es zu prüfen, inwiefern sich die Priester- und Solidaritätsgruppen als eine (innerkirchliche) soziale Bewegung verstehen lassen. Unter diesem Blickwinkel wird im Rahmen des Promotionsvorhabens untersucht, welche Rolle Priester- und Solidaritätsgruppen in der (westdeutschen) katholischen Kirche und gesamtgesellschaftlich von 1965 bis 1989/90 einnahmen, welche Rollenzuschreibungen und Selbstwahrnehmungen damit verbunden waren und ob sich diese im Laufe der Zeit veränderten. Hierbei eröffnet sich eine Spannbreite der Interpretation von Priester- und Solidaritätsgruppen als sozialer Bewegung, die den innerkirchlichen Wandel weiter dynamisierte und auch auf die (bundesrepublikanische) Gesellschaft einwirkte, bis zu der Auslegung als rein innerkirchliche Reformbewegung, deren Stimme möglicherweise wenig Beachtung fand.

Kontakt
Sandra Frühauf
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Historisches Seminar
Grabengasse 3-5
69117 Heidelberg
E-Mail: S.Fruehauf@ruhr-uni-bochum.de
